A day in the life mit dem Affen 1983

Eines Tages im Mai 1983, es muss ein Mittwoch gewesen sein, hatte mein Vater in der Früh den Befehl erhalten, die Funkantenne auf dem örtlichen Gendarmerie-Posten „wie ein Haftelmacher“ zu bewachen. Immer bei solchen Befehlen musste er zwischen Rauchern in der Dienststube ausharren, was er hasste. Ab und zu näherte er sich unauffällig der Funkanlage, die ihre Schaltungen hinter seinem Schreibtisch hatte und starrte ein altes Fernschreiben an.

Von der Antenne am Dach aus wurden zwei Signale empfangen und übertragen: Eines aus meinem Kopf, eines aus einem Übertragungswagen, in dem der Dichter Franz Innerhofer saß, der meine Bewegungen, Gefühle, Pläne, mein Körpergefühl und meine Seele mit damals neuartigen elektronischen Instrumenten der CIA steuerte.

87A755AE-BAFA-42D4-9F0C-315046478F49
Der Polizeiposten von St. Johann in der Ing. Ludwig Pech-Straße, ehemaliger Arbeitsplatz meines Vaters

Mein Vater war bei seiner Arbeit ständig tödlich bedroht; hätte ich als lebende Überwachungskamera (Franz hatte mein Gesichtsfeld am Monitor) zum Beispiel plötzlich jemanden, der gerade einen Mord beging, angegriffen oder ernsthaft gestört, wäre schlicht und einfach eine Putzfrau im Raum erschienen und hätte meinen Vater schnell oder langsam, zum Beispiel durch vergiftetes Holzpflegemittel am Schreibtisch, getötet.

Für mich fing der Tag offen gesagt Scheiße an. Ich erwachte wie ein Trottel, konnte an nichts als Misserfolge in der Schule und doofe, „rätselhafte“ Naturerscheinungen denken und musste fast kotzen bei der Vorstellung, unten in der Küche „mein“ Streichwurstbrot fressen und „meinen“ Tee trinken zu müssen.

Mein Steuermann hasste es zu frühstücken und in der Früh sprechen zu sollen, außerdem stand an diesem Tag eine Mordbesichtigung an. Seine Gefühle übertrugen sich auf mich wie ein mieser Schatten.

Franz dagegen hatte auf das Frühstück verzichtet und sich vorgenommen, erst um 11 vielleicht eine Leberkässemmel zu essen. Die wollte er nach dem Mord verzehren, er wusste ja noch nicht, was geschehen würde. Die Anweisung für den Einsatz war diesmal wieder aus einer stumpfsinnigen linken Zeitschrift gekommen. Kein Wunder, dass Franz in diesem Mai 1983 vollständig zum Nazi geworden war.

Als ich am Frühstückstisch saß, durchfuhren mich Wellen der Angst. Ich war fast gelangweilt, weil das so normal für mich war. Franz hatte auf der Autobahn (er war um 3 Uhr in Graz losgefahren) aus dem Radio erfahren, was geschehen würde und wie gefährlich das sein konnte. Ich stieg derweil zu meiner „Mutter“ ins Auto. Plötzlich starb ich fast vor Angst auf meinem Kinderrücksitz.

Der blutjunge Assistent von Franz, er saß hinten im kleinen Transporter am Monitor, bekam zugerufen, dass der Rücksitz, auf den ich mich in diesem Moment setzte, mit einer ätzenden Flüssigkeit getränkt war.

Franzens Junge, der mit mir in diesem Moment verbunden war, sprang von seinem Sitz auf, ich sollte den gleichen Impuls empfinden. Franz brüllte ihn an: „mach’s gescheit du Trottel, da Bua verreckt“, stieg auf die Bremse und starrte den Assistenten an. Ich in meiner Lage, 25 Kilometer entfernt, versuchte, ohne einen Grund dafür zu haben, aufzustehen und „umarmte“ die Rückenlehne des leeren rechten Vordersitzes. Hinsetzen ging nicht mehr bis ich in der Schule war.

Ein paar Minuten später stieg ich aus, ohne mit dem Arsch den giftig-feuchten Sitz zu berühren, was unnatürliche Bewegungen erforderte. Meine „Mutter“ sagte nichts. Um 8 ging die Schulglocke, wir verrichteten das Morgengebet. Ich starrte das Kreuz an ohne zu glauben; bis heute glaube ich an nichts als an das Reich und an das Schicksal des deutschen Volkes.

Fortsetzung folgt

Mitarbeit Franz Innerhofer und N.N. 👩‍🎓

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s