Mietpreissenkung: Luger 08, Teil 2

Fortsetzung. Mit der alten Offizierspistole in der Hand ging ich also in den Wald hinter dem Haus meiner Eltern. Zunächst dachte ich, ich erschieße mich, nicht aus Verzweiflung, aber in dem Gedanken, dass es jetzt wirklich reicht. Die Waffe in der Hand murmelte ich die Verse von Trakl über die Stufen des Waldes, in düsterer Verzückung hätte es zuende sein sollen.

Heute weiß ich, was damals im Wald geschehen ist, und damals wusste ich es auch, nur konnte ich der inneren Welt nicht die Bedeutung beimessen die ihr eigentlich zukommt: Ich lebte das Leben und die Empfindungen eines anderen Menschen, nämlich die von Uwe Böhnhardt, der im Begriff war, endgültig Abschied zu nehmen von der Welt. Ihm war der Gedanke an die Illegalität unerträglich geworden.

Ich lebte seine Gedanken und Gefühle, als sein Ingenieur, wie die Geheimdienstler sagen, als zweites Ich, das Ideen und Empfindungen liefert und mit seinem zerstörten Inneren überschüssige Ängste eines Schwächeren abfedert. Ich lieferte diesem Mann auch die nationalsozialistischen Ideen, die ihn damals beherrschten.

Ohne Titel

Nach Hause konnte ich nicht mehr; dort stank es nach Blei in der Wäsche. Apathisch kauerte mein Vater am Wohnzimmertisch, die Mutter war verschwunden, weiß der Teufel wo hin. Heute weiß ich es deutlicher als damals, dass Böhnhardt in diesem Moment daran dachte, es hat keinen Sinn mehr, wir werden in diesem Loch nur noch verarscht.

Böhnhardt hat ein Löwenherz gehabt, nur ist er damals nicht mehr in der Lage gewesen, seine Aufgaben ohne weiteres zu erfüllen. Ich dagegen hatte ja äußerlich keine Lasten zu tragen (wenn ich auch unmittelbarer als er einer Todesgefahr ausgesetzt war). Immer wieder brach in kurzen Phantasien sein Schicksal durch, ich hatte in den darauffolgenden Monaten und Jahren praktisch keine lebenswerte Sekunde mehr.

Mindestens ein Jahr lang konnte ich keinen klaren Gedanken fassen, ich bohrte in einem Unglück, das mir als Liebeskrankheit verkauft wurde, von dem aber klar schien, dass die Leiderei bloß eine Legende für die Übernahme von Böhnhardts Gefühlen war. Ich kämpfte mit Komplexen, die ich zuvor noch nicht gekannt hatte, wie ein Clown, dann kam das Militär, und dort eckte ich ständig an.

Taumelnd von einer Strafversetzung in die andere schritt ich an Gestalten vorbei, die mir nichts Gutes wollten, die bis heute davon leben, meine damaligen Erzählungen auszutratschen oder nicht. Mir war zwar klar, dass ich im Alltag Informationen weitertrug, die Böhnhardt gesammelt hatte und er die meinigen. Nur war die Anstrengung so groß als Ingenieur, dass es mir nicht wert schien, das zu rationalisieren.

Zeiten verschoben sich; die Verzweiflung wurde gerade gerückt. Wir rappelten uns wieder auf und die Arbeit des Nationalsozialistischen Untergrunds begann. Nazi – on – a – l // sozia – a – li – st – i – sche – er // Unt – er – grund, das hieß in unserer verstümmelten Variante des Rotwelsch so viel wie Er ist tatsächlich tätig für einen Nazi, äußerlich tritt er als Linksradikaler auf, mit Weibern hat er nichts am Hut und er ist verantwortlich für alles.

Ich war das also, Böhnhardt führte es aus. Wir haben niemanden getötet; und Beate Zschäpe kann gar nichts dafür.

 

Teil 1

Teil 3

Der Nationalsozialistische Untergrund

 

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