Apes erster Einsatz, Teil 3

An der Hand einer Auftragskillerin muss unsere lebende Überwachungskamera, der Chipjunge Dell, den Vormittag überstehen und mit seinem Steuermann Franz, der am Stadtrand in einem Kastenwagen, Leberkässemmeln futternd, den Monitor und die Steueranlage im Blick hat, einen kompletten geheimdienstlichen Tötungsvorgang in einem Wintersporthotel dokumentieren.

Loisi, die mörderische Putzfrau und Zimmerdame im renommiertesten Hotel am Platz, ist von ihrem Arbeitgeber, dem versoffenen Chef des Hauses, an den Ort ihres Wirkens gerufen worden; zuvor hat sie in einer Gratiszeitung Kreuzworträtsel gelöst und dabei in Wirklichkeit die Anzeigen neben dem Rätsel studiert.

Dort konnte sie folgendes erkennen:

Unbenannt (1)

Loisi kennt sich im Rotwelsch der Zeitungsanzeigen aus. Außerdem hat sie das gesprochene Rotwelsch der Region, eine Mischung aus spätmittelalterlichem Nürnberger Judensprech und Pongauer Dialekt (Südbairisch) mit der Muttermilch eingegeben bekommen. Rotwelsch ist ihre zweite Natur. Es ist eine Sprache aus Wort und Bild und scheinbar harmloser Geste, in der ihr Mordhandwerk und manchmal auch ein wenig Privates verhandelt wird.

Wenn Loisi mit Dell an der Hand durch das kalte Treppenhaus, durch den Dienstboteneingang des Hotels geht, überlegt sie in Ruhe die Anweisungen aus der Anzeige: Wie immer steht am Montag die Zimmernummer des Opfers ganz rechts oben in der Preisliste (25), seinen Namen kennt sie nicht. Dass es sich um einen Mordauftrag handelt, hat Loisi trotz allem ein wenig erschreckt; meistens werden den Zielen ja bloß Zähne verätzt oder man macht sie langsam krank.

Die Informationen in dem Prospekt sind teilweise ganz klar, teilweise unscharf, wie es der Rotwelschen Verschleierung entspricht. Die Zimmernummer ist klar, dazu der Bindestrich, der ihr zeigt, dass sie auf die (bei ihr meist telefonische) Kontaktaufnahme ihres Chefs (der zur Verschwiegenheit verpflichtet ist) warten muss (Bindestrich = B – ind – est – er – i – ch). Zusätzlich wird Loisi von oben gedeckt, wie allein aus dem Bindestrich hervorgeht.

Die „Frösche“ „am Rand“ sagen ihr, dass sie gegenüber ihren Kolleginnen, die vielleicht etwas mitbekommen, sagen soll, das Opfer habe seine Verschwiegenheit verletzt (Frösche = f – er – o – sche). Dass das Opfer unschuldig getötet werden soll, geht aus der Stellung des Wortes „Frösche“ am Rand hervor (am Rand = a – m – rand).

Das „Feuerwerk“, fett gedruckt und im Rahmen, sagt ihr, dass man dem Agenten lügenhaft nachsagen soll, er habe bei irgend einer Liebschaft gequatscht und das sei lange bekannt. Das „Spielzeug Voss“ weist die Leserin darauf hin (hier wieder die Unschärfe der Kommunikation: Besonders fett gedruckte Worte gehören zusammen):  Es wäre ein Risiko, diese Verleumdung zu unterlassen.

Waschmaschine

Dass es ein Mordauftrag ist, sieht Loisi am „Ausschnitt“ im rechten unteren Eck. Aus – schnitt, das versteht jeder. Das Eck sagt ihr, dass das Opfer Probleme gemacht hat, die nicht näher bezeichnet werden; schuldig hat es sich nicht gemacht. Die Schere entziffert Loisi ganz automatisch, sie sagt ihr, dass sie den Mund über den unberechtigen Mord halten soll.

Unsentimental nimmt die schlacksige, lakonische Loisi, die in ihrem Leben schon so viel Dreck erlebt hat, dass jedem normalen Menschen schwarz vor Augen wird, auch noch den Hinweis auf den „Jahreswechsel“ oben hin; Jahr – es – wechsel = Den Lohn für ein Jahr, das Essen für ein Jahr bekommst du dafür.

Meistens werden die Ziele im Hotel mit Blei in der Wäsche krank gemacht; Loisi verwendet dazu eine eigene Waschmaschine, die als Personalgerät in einem Nebenraum steht und von den Frauen natürlich nicht für die eigene Wäsche verwendet wird. Sorgsam trägt man Handschuhe, wenn man den Raum mit der Maschine beritt; das flüssige Bleikonzentrat müffelt ein wenig, wie Wäsche, die nie richtig trocken geworden ist.

Das Blei kommt heute nur zur Abdeckung zum Einsatz. Loisi wird den Touristen, der in Wirklichkeit ein amerikanischer Agent ist, mit einem Schnaps töten.

Dell ist jetzt fünf Jahre alt; Loisi weiß, dass ihr Franz beim Töten zusieht, wenn sie das Blei in die Maschine schüttet. Dell empfindet nichts eigenes mehr, bloß die Angst von Franz, der mit ihm verbunden ist. Er sieht sich alles genau an.

Ende des dritten Teils.

 

Teil 1

Teil 2

Teil 4

(Bild Waschmaschine: Donald Trung, CC BY-SA 4.0, bearbeitet)

Ich habe den rotwelschen Text der Zeitungsanzeige bewusst unscharf analysiert, um niemanden ernsthaft zu gefährden.

 

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