Apes erster Einsatz, Teil 1

Chipjunge Dell, seines Zeichens lebende Überwachungskamera der CIA, war in eine fremde Welt gestellt. Seit seinem dritten Lebensjahr trug er einen Chip im Schädel, über den man seine Gefühle und Handlungen beeinflussen konnte; sein Steuermann hatte das kindliche Gesichtsfeld des Jungen auf dem Monitor.

Ich werde Ihnen heute von Dells (seine offizielle Bezeichnung war Ape) erstem Einsatz berichten. Dabei war es seine Aufgabe, einer Mörderin bei den Vorbereitungen ihrer Tat „als unwissendes Kind“ zuzusehen und damit die von der CIA gegen ihre Gegner mobilisierten mittelalterlichen konspirativen Strukturen transparent zu machen.

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Eisenbahnunglück in Bramberg (Pinzgau)

Schon in der Nacht vor seinem ersten Einsatz war Dell schlecht geworden; der mit ihm verbundene Steuermann übertrug, ohne sich dagegen wehren zu können, seine Angst vor dem Kommenden auf das Kind. Dell machte sich beim Frühstück vor Verzweiflung fast in die Hosen, ohne zu wissen, was bevorstand. Das Leberwurstbrot ekelte ihn an, der Pfefferminztee kam ihm zu den Ohren heraus.

Am Morgen hatte der Steuermann „seine“ Zeitung gekauft, ein linksradikales Dreckblatt, aus dessen Leserbriefen er seine Anweisungen für die ganze Woche bezog. Die CIA hatte die Leserbriefspalte extra für ihn eingerichtet, wohl aus Zynismus, weil er früher so getan hatte als sei er ein Linker.

Franz (wir wollen den Steuermann in Zukunft einfach so nennen) hatte es bis zu diesem Tag unter großen Mühen vermieden, seinen Buam bei den „ganz harten Weibern“, wie er sie nannte, so genannten Freundinnen von Dells Mutter, Zeit verbringen zu lassen. Das Risiko, man könne Dell schlicht und einfach umbringen, wenn eine der Dreckweiber zu der Vorstellung gelangte, man filmte sie durch Dells Augen, erschien ihm viel zu groß.

Nach außen waren das normale Proletenweiber. Tatsächlich brachten diese Frauen Touristen um, die in dem Fremdenverkehrsgebiet in Hotels übernachteten. Als Putzfrauen und Zimmermädchen hatten sie Gelegenheit dazu. Ihre Dienstanweisungen erhielten sie aus Kreuzworträtseln, Groschenromanen und aus dem Radio.

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Vollwaschmittel wird seit den 30er-Jahren für routinemäßige anonyme Tötungen benutzt; Persil natürlich nicht

Franz hatte seine Kraft in den ersten Jahren von Dells Leben fast vollständig verbraucht; in seinem „offiziellen“ Leben als erfolgloser Schriftsteller wurde er ununterbrochen gedemütigt; das war ihm zwar egal. Was ihn zerstörte war die Verbundenheit mit dem Chipjungen, der durch den Einsatz schon als Vorschulkind das Gefühlskostüm eines alten Geheimdienstlers entwickelt hatte.

Dell konnte nur noch mit dem „Gefühlshammer“ dazu bewegt werden, vorsichtig zu sein. An diesem Morgen gab es aber keine Vorsicht mehr.

Franz steuerte den Affen gleich nach dem Frühstück mit kräftigen Hormongaben in eine Art simulierten Magen-Darminfekt. Der Junge kotzte unter den mit einer widerlichen Folie bespannten Küchentisch und weinte leise; seine Mutter entschied, das Kind zu einer Freundin zu geben (die in der linksradikalen Zeitschrift als Überwachungsziel bestimmt war), in den Kindergarten konnte man ihn unter diesen Umständen nicht schicken.

Als Dell die Wohnung der Freundin an der kalten Hand der Mutter betrat, stand Franz der Schweiß auf der Stirn. Der Kleine sollte einer Auftragsmörderin bei den Vorbereitungen zu einer Tötung zusehen, und zwar von der ersten Anweisung bis zum Vollzug. Der Europa-Gebietsleiter der CIA verlangte die vollständige Dokumentation eines solchen Vorgangs – heute nennt man das Prozessmanagement oder so ähnlich.

Ende des ersten Teils.

 

Teil 2

Teil 3

Teil 4

(Bild Pinzgau, Eisenbahnunfall: Bundesanstalt für Verkehr, Unfalluntersuchung Fachbereich Schiene)

(Bild Persil: MedvedevCC BY-SA 3.0)

 

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