Kanister, Teil 2

Ich habe im ersten Teil dieses Artikels ein jüdisches Nürnberger Käseblatt erwähnt, das Ende September 1980 V-Leute der CIA in Nordbayern über die Hintergründe des Oktoberfestattentats informiert hat. Dabei wurde deutlich, dass einfache V-Leute durch die Lektüre von Käseblättern mehr über den Anschlag erfuhren als alle Abgeordneten sämtlicher Parlamente und Untersuchungsausschüsse zusammen.

Unter dem Zeitungsbild eines angeblichen „Nazis“, der als Täter des Anschlags beschuldigt wurde, erschien auf einer Zeitungsannonce ein Kanister; dieser wurde im fraglichen Kontext als rotwelsche Mitteilung gelesen, Stillschweigen über die wahren Täter zu bewahren, die Juden seien.

Hört sich ein wenig phantastisch an; ist aber selbstverständlich gewesen für die lesenden V-Leute, solche „alternativen Nachrichten“ zu empfangen und zu akzeptieren, wie es heute für Millionen Menschen in der BRD selbstverständlich ist, nach außen so zu tun, als ob es einen NSU gegeben hätte.

Regierungskrise in Italien
Schlagzeile zur Regierungskrise in Italien, „Abendzeitung 8 Uhr-Blatt“, München, 28.9. 1980, S. 6

Kan – is‘ – ter, das bedeutet für den Zeitungsleser, dass er die Schnauze zu halten hat über die jüdischen Täter (Kan, Kahn ist ein alter jüdischer Name).

Käseblätter haben es an sich, dass in ihnen viel Mist vorkommt. Der Setzer bei der Zeitungsherstellung 1980 (genauso wie der Layout-Fachmann des Jahres 2018) ist aber ein Experte für die graphische „Geheimsprache“ der Dienste. Er montiert Anzeigen, Kreuzworträtsel, Sprache und Bild so, dass Kontexte entstehen, die einen Treiber für die semantische Dynamik der Binnenwortsemantik des Rotwelsch liefern.

Die Kontexte braucht es heute nur noch zur Unterhaltung. Mikrochips übernehmen die Erzeugung semantischer assoziativer Dynamik bei der Entschlüsselung rotwelscher Wortsyntax.

Klingt kompliziert, ist es aber auch nicht mehr als Türkisch, der Soziolekt der Kuhbauern in Kurdistan oder das Gemauschel katholischer Priester.

Im Grunde ist es ein öffentliches Flüstern, das so lange „sicher“ war, als die Exemplare der Zeitungen irgendwann auf natürlichem Weg verschwanden, zum Beispiel im Ofen. Seit man das Zeug speichern und konkreten Personen als Adressaten vollautomatisch zuordnen kann, ist es für die Geheimdienste ein Sicherheitsrisiko so zu arbeiten.

Oben sehen Sie einen weiteren Artikel aus dem Käseblatt. Ich möchte den mitlesenden V-Leuten der CIA (die Juden werden beleidigt sein und sich nicht mehr melden) eine historische Rätselaufgabe geben: Was kann der Schriftsetzer (die konnten besser Rotwelsch als die Journalisten) bloß mit seinem Klo-Scherz gemeint haben?

Was ist da „Wä“ und wo ist das große „Lo“?

 

 

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