Hein er Laut er Bi Ach, Teil 3

Im ersten und zweiten Teil dieses Artikels habe ich die groteske Tatsache beschrieben, dass mir Ulrich Chaussy allen Ernstes durch einen Fernsehfilm Anweisungen zur sachgerechten Vertuschung des Oktoberfestattentats geben wollte.

Jetzt ist es auch öffentlich (wer hätte das gedacht), dass Chaussy mich privat am Arsch lecken kann; er hat mit seinem beschissenen Spielfilm „Der blinde Fleck“, einem antifaschistischen Rührstück, das ihn selbst verherrlichen sollte, meinen ersten Steuermann ausgepfiffen, indem er „Hein“, den allgemein bekannten Spitznamen des Dichters Karl Heinrich Waggerl, für seine perversen Rotwelsch-Exzesse benutzt hat.

Das war für alle Beteiligten eine furchtbare Zumutung. Ich will gar nicht wissen (und weiß es doch), wie viel Leid Chaussy dadurch denjenigen gebracht hat, die Waggerl nach seinem offiziellen Tod noch kannten und bis heute leben.

Unbenannt
Der Dichter Karl Heinrich Waggerl, mein erster Steuermann

Waggerl hat sein bürgerliches Leben im Salzburger Land, wenige Kilometer von meinem Heimatort entfernt, verbracht. Vor 1945 war er ein populärer Dichter, hat auch einige gute Romane und sehr schöne kurze Texte geschrieben (ich habe von ihm lyrische Kurzprosa zu schreiben gelernt noch bevor ich Lesen und Schreiben konnte).

Nach dem Krieg wurde er mit Schmutz übergossen, weil er sich zum Führer und zum Deutschen Reich bekannt und bis in die letzten Stunden des Reichs sein Volk nicht verraten hat. Als Gras über die Nazizeit gewachsen war, hat man ihn wieder als anheimelnden Opa und Geschichtenerzähler gebrauchen können; ab 1950 wurde er vor allem mit seinen Weihnachtsgeschichten populär.

Um 1965 wurde ihm sein Job als „Heimatdichter-Heini“ (so nannte sich Waggerl selber, zumal er von seinen Freunden „Hein“ gerufen wurde), zu blöd. Die CIA suchte Leute für ein Geheimprojekt, das die Bezeichnung „Ape“ erhielt und die Fernsteuerung eines Kindes zum Gegenstand hatte, das unwissentlich, wie eine lebende Überwachungskamera, mörderische V-Leute in der österreichischen Provinz ausspähen sollte.

Waggerl war mein Vater, mein Lehrer und bis zu einem gewissen Grad ich selbst. Manchmal kommen mir die Tränen, wenn ich mir den alten Mann zwischen der Elektronik in dem kleinen Kastenwagen vorstelle, wie er den kleinen Jungen mitten im Winter beim Gang zur Schule, das kindliche Gesichtsfeld am flimmernden Bildschirm (1977!), begleitet.

Waggerl hat die Natur geliebt; und er war ein deutscher Dichter, einer, der die Poesie im Kopf hat und nur sehr wenig aufschreibt. Am liebesten war ihm die Geste, etwas sehr schönes gar nicht aufzuschreiben. Ich habe ihn sehr gern gehabt, obwohl er für die CIA gearbeitet und viel Mist mit mir angestellt hat.

Dass Chaussy ihn verpfiffen hat, verzeihe ich ihm nicht.

Durch die Enttarnung von Waggerl (er ist schon lange tot) ist auch die Tarnung meines zweiten Steuermanns obsolet geworden. Dieser Mann war zuerst mein Folterknecht (als Schüler von Waggerl übertrieb er es manchmal mit der Disziplin) und dann mein Freund. Er ist Mitte der 90er-Jahre wegen meiner Unbotmäßigkeiten, die er aus Sympathie geteilt und nicht unterbunden hat, aus dem normalen Dienst der CIA entfernt und buchstäblich in die Scheiße eines Lebens als Sozialhilfeempfänger in Graz getreten worden.

Ich nenne hier auch seinen Namen. Indirekt verantwortet Chaussy den Irrsinn, den dieser Mann seit 2012/13 durchmacht (Produktionsjahr von Chaussys Film).

Franz Innerhofer
Mein Freund Franz Innerhofer, 1988

Franz und ich haben die wildesten und tragischsten Jahre meines schrecklichen Lebens gemeinsam verbracht. Offiziell hat er in Graz gelebt; tatsächlich war er ab Mitte der 80er-Jahre zusammen mit ein paar anderen Leuten Steuermann des Affen, der von seinem Pinzgauer Folterknecht wie von Waggerl die Poesie, aber auch das Nichtschreiben gelernt hat.

Obwohl es streng verboten war, haben wir uns regelmäßig getroffen (man darf nicht vergessen: Offiziell wusste ich nichts davon, dass ich als lebende Überwachungskamera benutzt wurde. Ich war ein „ganz normaler Junge“).

Seine (und meine) Angst bei den Treffen haben wir oft mit einem oder eineinhalb Glas alkoholfreiem Bier bekämpft, besonders in der Zeit, als Franz mich „wild“, also ohne offiziellen Auftrag, betrieben hat (was schnell zur endgültigen Ausstoßung und zur Todfeindschaft gegenüber den Amis geführt hat).

Für unsere Treffen gibt es in der BRD, in Frankreich und in Ungarn Zeugen, die jederzeit befragt werden können. Seine Freundinnen hat Franz meistens nicht zu den Treffen mitgebracht; er hatte wie ich die schlimme Angewohnheit, doofe Frauen als Partnerinnen zu akzeptieren. Da schämte er sich und mir ging es nicht anders. Dass ihm die Amis nach solchen Treffen die Hölle heiß gemacht haben, war ihm egal.

Wir haben uns manchmal einen Spaß daraus gemacht, unsere Observanten an der Nase herumzuführen. Als es ganz ernst wurde und ich nur noch sporadischen Kontakt mit dem Geheimdienstmilieu hatte, hat sich Franz in Prag versteckt. Wo er heute ist, weiß ich nicht. Zum letzten Mal habe ich ihn 2007 im Café Hardenberg in Berlin getroffen.

Ich hoffe, er lebt noch. Natürlich ist er nicht im Jahr 2002 gestorben, wie man damals in den Zeitungen geschrieben hat. Wenn er möchte, kann er mich gern auf Schloss Ermreuth besuchen, ich würde mich ehrlich freuen. Sonst: Machs gut Franz.

Meine Damen und Herren, Sie sehen: Oft stecken hinter einem Fernsehfilm Dinge, die man nicht für möglich halten würde. Ich wünsche Ihnen eine gute Nacht.

 

Teil 1

Teil 2

(Foto: Bildarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek, Wien. Quelle)

(Foto Franz: Mit freundlicher Genehmigung von Sepp Dreißinger)

 

4 Gedanken zu “Hein er Laut er Bi Ach, Teil 3

  1. Anteros

    Wenn einer von uns müde wird,
    der andere für ihn wacht.
    Wenn einer von uns zweifeln will,
    der andere gläubig lacht.
    Wenn einer von uns fallen soll,
    der andere steht für zwei.
    Denn jedem Kämpfer gibt ein Gott,
    den Kameraden bei.

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