Erinnerung an die Bücher III: Jud Süß

Zwischen meinen Büchern, die 2016 nach behördlichen Maßnahmen fast vollständig verloren gegangen sind, haben sich all die Jahre hindurch auch andere Gegenstände befunden. Das Zeug ist verstaubt, dreckig geworden, es hat teilweise wie Bücher ausgesehen, so dass es von meiner ukrainischen Putzfrau „als Buch“ im Regal gereinigt und immer wieder aufgestellt worden ist.

Ein solches pseudo-Buch, das im ironischen Bewusstsein der Putzfrau ein Leben als Buch geführt hat, war die DVD „Jud Süß“. Ich hatte sie irgendwann in den USA bestellt, zumal der Film bei uns ja verboten ist.

Unser Zoll hatte damals gemeckert, ich musste nachzahlen (so etwas kostet dann das Doppelte), aber das verbotene Propagandamittel landete bei mir auf dem Schreibtisch. Der Film von Veit Harlan selbst hat mich nie sonderlich interessiert; berührt hat er mich schon.

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Filmplakat mit Hans Marian. Für das Plakat von „Jud Süß“ müsste ich am Ende doch noch ins Gefängnis

Schon der Beginn des Films ist wunderbar: Man hört ein „jüdisches“ Singsang, sieht das Innere einer Synagoge, und wie als Kontrast etwas Anderes, der Kontrast soll dämonisch sein. Seltsam, gespenstisch ist dieser Film-Anfang.

Jud Süß, der Titelheld, wird dann von seiner Mutter zusammengeschissen; sie nennt ihn einen „Hammer“ (weil sie damit sagen will, dass er sich mit seinen Geschäften vor den Deutschen verraten hat). Harlan hat mit diesem Film Mut bewiesen, nicht umsonst hat man ihn nach dem Krieg schikaniert.

Ich meine, dass der Streifen bis heute verboten ist, weil dort ungeniert Rotwelsch geplaudert wird und zwar so, dass man mitbekommt, was das ist.

Andere legendäre Szenen sind die Auftritte von Werner Krauss, der mehrere Juden hintereinander in einer Dreifachrolle unvergleichlich brillant spielt. Krauss, selber nicht ganz arisch, tritt sogar zusammen mit Raoul Aslan auf; die beiden quatschen in einer Weise Rotwelsch und jüdeln dabei, dass dem Geheimdienst zwischen Nürnberg und Warschau Angst und Bange wird.

Werner Krauss als alter Jude in der Sternwarte ist eine der schönsten Film-Szenen, die ich kenne.

Jud Süß selbst ist im Film ein ehrgeiziger Mann, die Deutschen, seine Feinde und Kreditnehmer, sind fett und doof bzw. weiblich und werden auf eine mehr als makabre Art vergewaltigt.

Der Titelheld ist ein Identifikationsobjekt für den Zuseher; man fragt sich, wie Nazis einen solchen Film ertragen konnten. Goebbels, der Feigling, konnte es nicht. Ein tapferer Mann dieser Süß, der Darsteller Ferdinand Marian, ein Österreicher wie die meisten Schauspieler des Films, ist nicht umsonst gegen Ende des Krieges vergiftet und verstümmelt worden.

Jud Süß im Film emanzipiert sich, kämpft ums Überleben, führt sich rassistisch auf wie seine Mutter, im Grunde könnte er einen Arierpass beantragen, wenn man ihn durch die Stadtmauer ließe. Gold hortet er auch.

Am Ende des Films zieht man Süß, genannt Oppenheimer, an einer Kette in einem Rattenkäfig in die verschneite Höhe einer deutschen Stadt. Ich werde diesen Film wohl nie wieder sehen.

 

(Bild: Filmplakat zu „Reise in die Vergangenheit“, Quelle Deutsches Filminstitut)

 

2 Gedanken zu “Erinnerung an die Bücher III: Jud Süß

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