Schülerzeitung Känguru: Erinnerung an Gundolf Köhler

„Wir haben den Gundolf kontaktiert, nicht er uns. Es war die Zeit, als wir über die Gesellschaft für Menschenrechte Druck auf die CDU auszuüben versucht haben, öffentlich gegen die kommunistischen Menschenrechtsverletzungen in der DDR Stellung zu nehmen.

Damals, Anfang der 70er hatten wir einige Demos, zum Beispiel gegen den Besuch von Breschnew in Bonn, an denen könnte Gundolfs Vater teilgenommen haben, ich weiß es aber nicht mehr genau. Vielleicht ist so der Kontakt zustande gekommen.

Gundolfs Vater stammte ja aus der DDR, oder aus der Zone, wie wir sagten. Er gehörte der CDU an, ich habe gehört, dass er dort der Ost- oder Mitteldeutschen Vereinigung angeschlossen war. Wir hatten damals vor, in Donaueschingen eine Basis für unsere Arbeit zu schaffen, und sein Vater war auf unserer Linie… er dürfte uns auch zusammengebracht haben, soviel ich mich erinnern kann. Gundolf war damals noch Schüler am Gymnasium und sollte oder wollte uns bei unserer antikommunistischen Arbeit behilflich sein.

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Der linksliberale Student und Grünen-Wähler Gundolf Köhler kurz vor seiner angeblichen Tat, 1980

Interesse zeigte er an der Mitarbeit an einer dortigen Schülerzeitung, die vom Kreisverband der Jungen Union mit herausgegeben worden ist; er hätte dort mitarbeiten sollen. Das war ein Teil unserer damaligen Strategie, die CDU über ihre Vorfeldorganisationen ein wenig nach Rechts zu manövrieren. Die Schülerzeitung erhielt dann den Namen Känguru… und sie wurde über Infotische in der Nähe von Gundolfs Gymnasium ausgegeben. Die Familie Köhler lud uns nach solchen Aktionen manchmal zum Essen ein.

Ein besonderes politisches Engagement von Gundolf ist mir aus dieser Zeit nicht in Erinnerung. Es war ein antikommunistisches Milieu, die Leute waren schließlich aus der DDR geflohen, das war damals so, man bezog sich in der politischen Arbeit vor allem auf die Menschenrechtsverletzungen im Osten und versuchte, dafür in der politischen Landschaft Gehör zu finden. Gundolf war eher zurückhaltend und taute erst in den eigenen vier Wänden auf, wie wir bei unseren Besuchen feststellen konnten.

Es hörte dann irgendwann auf, in seiner Abiturzeit verloren wir Gundolf aus den Augen… und bald darauf ging er ja zur Bundeswehr. Unsere damaligen Affären hat er nicht mitgemacht, die Schlägerei in Tübingen sicher nicht.

Zu den Gerüchten, er hätte sich die Gerichtsverhandlung dazu angesehen, kann ich nichts sagen, ich erinnere mich zumindest nicht daran ihn vor Ort gesehen zu haben. Von seinen beiden Wehrsportübungen beim Hoffmann habe ich damals nichts gehört, das ging erst viel später durch die Medien, da hörten wir davon.

Sie fragen mich, ob der Gundolf ein Aktivist war? Nein, ganz sicher nicht. Das war einer, den musste man zum Mitlaufen tragen… sicher, ich habe öfter mit ihm gesprochen, weil er auch bei unserem studentischen Jour Fixe in Tübingen aufgetaucht ist… aber eher aus erotischen Gründen war der dort. Da gab es eine Dame mit einem antikommunistischen Vater, die hat ihn zu dieser Sorte von Aktivismus veranlasst, wie ich meine. Sie hat ihn dann ja abgewiesen, und dann war er auch nicht mehr anzutreffen.

Es war halt ein sehr loser Kontakt, er hat sich politisch nicht besonders engagiert, wie ich oben schon gesagt habe. Das letzte Mal habe ich ihn Anfang 1980 gesehen, nachdem ich ihn mehrfach angeschrieben hatte, weil wir Unterstützungsunterschriften brauchten für unsere Kandidatur.

Mit ihm war nichts mehr anzufangen, trotzdem haben wir ihn in seiner Bude in Tübingen aufgesucht. Die Ablehnung war schroff, ohne Begründung, unverständlich aus unserer Sicht, angesichts der Bekanntschaft, auch seiner Familie. Es war eine sehr merkwürdige Begegnung, auf die ich mir keinen Reim machen konnte, andererseits aber auch ein banales Ereignis, eine Ablehnung eben.

Im Rückblick dachte ich mir damals, seine Motivation für die wenigen gemeinsamen Aktionen war die Geselligkeit, das Milieu, vorher die Familie. Wenn uns wo eine Kriegerwitwe ein Essen ausgegeben hat, ist er verschiedentlich zuwege gekommen. Zusammen gesessen sind wir halt ein paarmal, in eher oberflächlichen Gesprächen… und wenn es dann hieß, Flugblätter verteilen, hat er sich gedrückt.

Die Gerüchte, dass er zu jener Zeit Anschluss an die Grünen finden wollte und uns deshalb in der Öffentlichkeit geschnitten hat, halte ich für plausibel. Über konkrete Schritte in diese Richtung ist mir damals aber von Gundolf nichts bekannt geworden. Klar, das, was man heute das grüne Gedankengut nennt, also Umweltschutz und so weiter, das hat er bejaht.

Wir waren da kritischer, schließlich waren die Tübinger Grünen zum Teil früher Kommunisten gewesen, einige von diesen Leuten haben es ja später bundesweit zur Bekanntheit gebracht… im politischen Gespräch war der Gundolf aber nicht so klar. Uns erschien das alles ein wenig unausgegoren; auch von der Persönlichkeit her unreif erschien er uns. Er hatte etwas Kindisches an sich.

Wir haben ihn nie richtig erreicht. Er war ein bisschen scheu, man hat ihn nicht in seinem Zimmer aufgesucht, außer das eine, letzte Mal… er war immer bei den anderen zu Gast. Vage Versprechungen für politische Aktionen sind mir in Erinnerung, die er nicht gehalten hat… aber nichts Weltbewegendes. Mit großer Rolle war da nichts. Auch wenn er in Tübingen wohnte fuhr er doch jedes Wochenende nach Haus. Alles andere als ein Hitzkopf war er, der Gundolf Köhler.“

(nach einem Bericht von Axel Heinzmann. Quelle: 1980 Oktoberfest, NSU Leaks)

 

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