Mietpreissenkung: Schlägerei

Chipjunge Dell war bei der Blasmusik. Eines Abends hatte er keinen Fahrer, der ihn nach der Musikprobe, mitten in der Nacht, nach Hause bringen konnte. Da rief er seinen Vater an, von einer Telefonzelle aus.

Plötzlich, er war allein auf der Straße und stand vor der Telefonzelle, stürmten zwei sturzbetrunkene junge Burschen, offenkundig Rekruten des österreichischen Bundesheeres, auf ihn zu und wollten ihn  wie wild verprügeln. Dafür gab es keinen Grund; Dell hatte die beiden zuvor weder gesehen noch ein Wort mit ihnen gesprochen, sie nicht mit Gesten provoziert, nichts.

Er ergriff die Flucht, die Burschen nahmen seine Sachen an sich und zertrümmerten den Kram. In wilder Verfolgungsjagd wurde er plötzlich bei einer Art türkischem Badehaus (so etwas gibt es in der österreichischen Provinz!) in die Enge getrieben.

Unbenannt
Ein Mitglied des Bundes Deutscher Mädel (1936)

Die Analyse der Polizeiakten, vor allem der Aussagen jener Nachbarn, die die nächtliche Schlägerei mitbekommen hatten, zeigte später, dass man schon vorher von den Ereignissen gewusst und sie, so merkwürdig das klingt, inszeniert hatte.

Polizeiakten sind manchmal objektive Beweise für Vorwissen. Vorwissen ist eines der wenigen Dinge, die man mit Polizeiakten wirklich sicher beweisen kann.

Dell entkam nur knapp, man schlug ihn nicht tot, obwohl die beiden Wahnsinnigen drauf und dran waren, ihn zu Kleinholz zu machen.

Der Ort, an dem Dell von den beiden Wahnsinnigen festgehalten wurde und an dem sich sein Schicksal entschied, lag direkt unter dem Zimmer jener Frau, die später mit skrupellosen Methoden, über Jahrzehnte, von ihm fern gehalten werden sollte.

Das Zimmer kannte er ja; er war als kleines Kind öfter beim Vormieter zu Gast gewesen und hatte dort gespielt, die merkwürdige, aus späterer Sicht gespenstisch mit Bedeutung aufgeladene Wohnungseinrichtung bestaunt, sich alles gemerkt. So etwas vergisst man nicht.

Immerhin ein verständliches Zeichen die Schlägerei. Schicksalshafte Quadratmeter, denkt Dell heute, wenn ihm diese Ecke der österreichischen Provinzstadt einfällt. Traurig.

 

Dieser Beitrag ist Teil der Reihe Mietpreissenkung, die chronologisch gelesen werden kann (neuester Beitrag ganz oben).

(Bundesarchiv, Bild 119-5592-15A / CC-BY-SA 3.0, bearbeitet)

 

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