Die Vergeltungswaffe meines Urgroßvaters

Der geschätzte Leser kann sich heute einen Eindruck verschaffen von der alltäglichen Zersetzungsarbeit der Geheimdienste im so genannten kulturellen Bereich. Ich werde dazu ein eigenes Erlebnis schildern, eine ganze Kette von Erlebnissen, die zwar länger zurückliegen aber durch Zeugen und Sachbeweise belegt sind.

Der Leser soll erkennen können, wie die Zersetzung politisch missliebiger Autoren heute funktioniert.

Man möchte glauben, Geheimdienste schädigen (wie in der DDR) Autoren vor allem durch die Verhinderung von Erfolg, durch Zensur, wirtschaftlichen oder bürokratischen Terror. Das tun sie auch. Wirkungsvoller und subtiler sind aber Zersetzungsmethoden, die einen Künstler dort treffen sollen, wo er am empfindlichsten ist, nämlich in seiner Kunst selbst.

Gott sei Dank sind die Geheimdienste in diesem Bereich ziemlich doof.

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Kamikaze-Einsatz in Japan, 1945

Im Jahr 2005 schrieb ich einen Roman. Er sollte den Titel „Die Vergeltungswaffe meines Urgroßvaters“ tragen und handelte von einer Art Revolutionsgeist, von einem Mann, der über Generationen hinweg, durch Kriege und Revolutionen, als Kind, Jugendlicher, erwachsener Mann und Opa, im Gewehrfeuer, am Klo und beim Schmusen in Opposition zur bürgerlichen Welt steht.

Der Roman setzt mit dem Blick auf eine Art naive Landschaft ein, die landwirtschaftlich geprägt ist, man sieht ein Mädchen klein wie einen Stecknadelkopf, das jemanden aus der Ferne grüßt usw. Das Bild wird zerrissen von einem Kampfflieger, der über einen Berg in diese Landschaft eindringt, ein paar schöne Figuren am Himmel dreht und dann verheerende Zerstörungen anrichtet.

Ich hatte mir für diesen Roman bestimmte sprachliche Verfahrensweisen zurecht gelegt, die man vielleicht mit dem Versuch eines naiven Tons umschreiben kann, eher kurze Sätze (für mich untypisch), viele einfache Farbschilderungen, ein starker optischer Akzent (was für mich extrem untypisch ist). Gefühle werde einfach, holzschnittartig, geschildert, als ob man eine Postkarte schreiben würde. Es sollte rührend, wenn auch ein wenig ironisch zugehen.

Der Roman hat einen Inhalt, der für den Staat und vor allem für manche Leute in Geheimdiensten extrem unangenehm werden hätte können. Ich erkläre das hier aus Rücksicht auf noch lebende Personen nicht näher. (Es hat mich große Mühe gekostet, das Manuskript nach meiner letzten Hausdurchsuchung zu rekonstruieren, was kaum Zufall ist.)

Mir war die Tragweite meines eigenen Textes nicht vollständig klar; jedenfalls wurden Teile des unfertigen Romans zwar gedruckt (in einer bekannten österreichischen Literaturzeitschrift), ich hatte dann aber keinen Nerv mehr, mich neben meiner Brotarbeit ernsthaft um einen Verlag zu kümmern (wozu man ewig Klinken hätte putzen müssen, was mir eher nicht liegt).

Kurz vor der Fertigstellung des Romans, der auch eine Liebesgeschichte ist, meldete sich bei mir rein zufällig (ich hatte niemandem etwas von meinem Projekt erzählt und niemanden etwas lesen lassen) jene Frau, deren Innenleben in diesem Roman liebevoll abgeschildert wird, auf eine eher grausliche Weise bei mir; ich hatte sie seit Jahren nicht gesehen. Kurz darauf zerbrach wie durch Geisterhand eine langjährige Beziehung, in der ich mich befunden hatte. Ich verlor bestimmte Jobs, berufliche Misserfolge stellten sich ein.

Soweit könnte man noch sagen: DDR-Style, der gute Mayr ist frech geworden und hat die verdiente Zersetzung zu spüren bekommen, oder er hat einfach selber Mist gebaut, der Verschwörungstheoretiker. Es passierte dann auch etwa 10 Jahre lang nichts. Nach Ablauf des Jahrzehnts aber erschien ein Roman, der mit einer naiven Landschaftsszene einsetzt, genau jene sprachlichen Eigenheiten aufweist, die ich mir für den Romananfang ausgedacht hatte, einen starken, naiven optischen Akzent hat, ländliche Postkarten-Szenen gestaltet usw.

Das war bis ins Wortbild identisch mit meinem Text, wenn auch ohne Revolution.

Und was glauben Sie, was in diesem Werk (das der Kunst und nicht der Revolution diente) über die naive Landschaft dieser Eingangs-Szene fliegt? Richtig! Ein Flugzeug! Und in diesem Flugzeug sitzt eine Frau, die sich als Japanerin ausgibt, tatsächlich aber jene Dame ist, deren schönes, wunderbares Innenleben ich in meinem schändlichen Roman abschildern hätte wollen.

Das hätte eine Demütigung für den Autor Mayr sein sollen. Geheimdienste sind manchmal sehr deppert.

Die Autorin des Romans wusste damals nichts von ihrem Glück und nichts davon, dass sie unbewusst von mir abgeschrieben hat. Ich grüße sie herzlich; vielleicht hat sie mal Zeit für einen Kaffee.

 

(Bild: Unbekannte Amiquelle)

 

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