Spaß mit der toten Sprache

Im Jahre 1990 hatte ich die Nase gestrichen voll. Die Antikommunisten triumphierten; jeder Depp verherrlichte die Demokratie und ihre Werte. Das konnte nicht angehen. Ich ging zum Angriff über.

Dieser Angriff war zunächst geprägt von einer naiven Herangehensweise; es war nicht so wie heute, wo ich dem Generalbundesanwalt schlaflose Nächte bereite. 1990 war ich ein Teenager und Roboter, hatte einen Chip im Schädel und pflegte ein ironisches Verhältnis zu meinem Steuermann.

Zersetzen konnte ich damals höchstens meinen Lateinlehrer. Und weil der Kerl der mich steuerte zwar ein verklemmter Ami-Funktionär, so doch ein rebellischer Hund mit Hang zum Jugendstreich war, gaben wir dem alten Pauker gemeinsam Zunder.

Lämpel
Lehrer Lämpel. Zeichnung von Wilhelm Busch

Ich hatte immer schon Probleme im Unterrichtsfach Latein gehabt. Diese „tote Sprache“ interessierte mich einen feuchten Kehricht; auch die scheinbar sinnlichen Liebesgedichte der Antike gingen mir am Arsch vorbei. Ich schwindelte mich gerade so durch, mit einem „Genügend“.

Der Steuermann verfügte 1990 über all die Möglichkeiten, die die CIA zur Informationsgewinnung überall im deutschsprachigen Raum auch heute noch (und mehr denn je) hat. Er ließ sich die Überwachungsbänder und diverse Überwachungsvideos meines Lateinlehrers geben und gab mir mitten im Turnunterricht plötzlich per Funk (man muss sich das wie eine innere Stimme vorstellen) den Tip, zum Schein aufs Klo zu gehen und die Kopiervorlage der Latein-Klassenarbeit aus dem Lehrerzimmer zu klauen, die der alte Lateinlehrer dort vergessen hatte.

„Die Luft ist rein, my Boy“, flüsterte er, und ich klaute das Ding, um 5 Minuten später wieder meine Runden am Sportplatz zu drehen.

Perfekt vorbereitet schrieb ich eine Eins. Der Lehrer tobte, konnte aber nichts machen; ihm war klar, dass ich irgendwie an den Zettel gekommen war.

Nun wurde der Alte vorsichtiger. Zeitzeugen von damals können die Maßnahmen bestätigen, die ich gemeinsam mit dem Steuermann traf, um weiter eine glatte Eins bei den Latein-Klassenarbeiten zu erhalten und das brauchbar zu legendieren (er hätte nicht einfach drahtlos einsagen können; so arbeiten Geheimdienste).

Die Lösung war die folgende: Ich sollte eine besondere Gewohnheit des Paukers ausnutzen und ihm auf die Lippen starren; er verzog nämlich bei jenen Vokabeln, die später auch in der Klassenarbeit vorkamen, in einer bestimmten ekelerregenden Weise die Lippen. Das tat er mit unbewusster Regelmäßigkeit.

Ich legte eine Liste dieser Vokabeln an und markierte später mit dem Textmarker in den Originaltexten diese Vokabeln; wo es zu einer dichten Häufung kam, war die Stelle, die er bei der Klassenarbeit zur Übersetzung aufgeben würde. Das klappte immer wieder einwandfrei. Ich führte die Markierungen im Beisein eines harmlosen Schulfreundes (der übrigens noch heute V-Mann der CIA ist) aus, um einen Zeugen zu haben, der freilich Verschwiegenheit versprechen musste.

Der alte Pauker drehte fast vollkommen durch, mehr und mehr, von Klassenarbeit zu Klassenarbeit, die ich mit einer Eins bestand, war aber hilflos. Als er mich einmal streng verhörte: „Sigi, wo hast du die Texte her?“ antwortete ich grinsend: „Ein geheimnisvoller Otto hat sie mir gegeben.“ Diese Worte trugen mir mein erstes polizeiliches Ermittlungsverfahren ein; herausgekommen ist dabei nichts.

Bis zum Abitur merkte der Alte nicht, wie ich ihn anschmierte. Seinen eigenen Tick kannte er nicht. Obwohl es ihm schlecht ging und er fast paranoid wurde, tut er mir bis heute nicht leid. Irgendwie tun mir halt V-Leute einfach nicht leid, ich weiß nicht, wieso. V-Frauen schon, aber nur wenn ich sie liebe, was auch vorkommt.

 

Dieser Beitrag ist Teil der Reihe Mietpreissenkung, die chronologisch gelesen werden kann (neuester Beitrag ganz oben).

(Bild: Kolorierte Zeichnung von Wilhelm Busch)

 

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