Abend vor dem Sturm

Viele meiner Leser werden noch nie polizeiliche Maßnahmen am eigenen Leib verspürt haben. Ich schon; außerdem bin ich in einem Polizisten-Haushalt und zwischen Staatsdienern aufgewachsen. Heute schildere ich Ihnen, was ich am Abend vor meiner letzten Hausdurchsuchung erlebt habe.

Es war Ende Mai 2016; draußen herrschten schon sommerliche Temperaturen. Wie üblich hatte ich den Tag in meiner kleinen Schreibwohnung in Berlin-Zehlendorf verbracht, während sich diejenigen, die ich für meine Familie hielt, in meiner Mietwohnung, etwa einen Kilometer entfernt, aufhielten.

Als es dämmerte, entschloss ich mich, in der Schreibwohnung zu bleiben und mich physisch zu verbarrikadieren. Zu viele Hinweise gab es, dass man in Kürze gegen mich vorgehen wollte.

Die Polizei war im Treppenhaus gewesen und hatte ganz offen meine Nachbarn angesprochen, sich nach meinen Gewohnheiten erkundigt und in meinem Briefkasten herumgefingert. Diverse Spitzel forderten mich zu dummen Straftaten auf, auch ein sicheres Zeichen für bevorstehende Maßnahmen.

Sogar der Staub am Klo war verändert; was für Dilettanten. Wahrscheinlich hatte man sich in die Hosen geschissen und nach Waffen gesucht.

Unbenannt
Blick aus meiner Berliner Schreibwohnung, 31.5. 2016

Ich bestellte mir beim Online-Chinesen „knusprige Ente“ und öffnete eine Flasche Rotwein. Am Fenster rauchte ich eine Zigarette. Im Sonnenuntergang wurden die Geräusche von draußen  deutlicher. Eine hübsche Muslima kniete am Rasen vor dem Haus.

Die Muslima war streng verschleiert, trug aber sehr enge Jeans und spielte mit einem Hund (!). Selbstverständlich handelte es sich um eine verkleidete Polizistin, zumal es in Zehlendorf keine Salafisten gibt und um diese Uhrzeit schon gar keine Salafistinnen vor meiner Haustür. Hunde mögen die auch nicht, Mayr noch weniger.

Ich rief einen befreundeten Journalisten an und zeigte ihm die Dame im Livechat. Wir lachten ein wenig über diesen Gruß der Behörden. Von einer verdeckten Beobachtung konnte nicht die Rede sein, es war eine Art Wink mit dem Zaunpfahl, als ob das Berliner Landeskriminalamt seinen Namen tanzen hätte wollen.

Dann schrieb ich noch ein wenig. In den vorangegangenen Monaten hatte jemand, nur wenige hundert Meter von meiner Schreibwohnung entfernt, eine Tätigkeit aufgenommen, die mich äußerlich nichts anging. Ich hätte diesen Menschen damals aufsuchen sollen, tat es aber nicht.

In der Nacht dachte ich an Haft, den Normalzustand des Regimegegners.

Um drei Uhr früh sank ich aufs Sofa, die Polizei stand drei Stunden später vor der Tür. „Mein“ Einsatzleiter tat mir später einen schelmischen Gefallen: Er behauptete in den Akten, die Küche sei aufgeräumt gewesen, was nicht stimmt. Es war ein Sauhaufen aus dreckigem Geschirr und den Resten zweier frittierter Enten.

 

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