Dell im Schattenreich: Mathematik

Stellen Sie sich vor, man steuert Sie fern und Sie wissen es nicht. Unser Chipjunge Dell, später tragischer Held so mancher rührseligen Liebesgeschichte, lebte so. Als er seinen zwölften Geburtstag hinter sich hatte, stand eine mathematische Klassenarbeit an (wo er daheim war sagte man dazu „Schularbeit“).

Dell hatte sich nicht vorbereitet und die Nachmittage, wie üblich, mit dem Anstarren irgendwelcher Gegenstände und dem Durchdeklinieren sinnloser Gefühlszustände verbracht; das entsprach den Forschungsinteressen der CIA.

Während solcher Forschungsperioden durchlebte Dell Halbtage buchstäblicher Dumpf- und Stumpfheit, grundiert von einer leichten, ein wenig poetischen Trauer und boshaften, verlogenen Ausfällen gegenüber anderen und sich selbst.

Ein laues Gefühl im Magen sagte ihm: Bald ist Klassenarbeit.

Trotzdem ließ er das Mathematik-Lehrbuch ungeöffnet liegen. Der Nachmittag verstrich menschenlos, die Eltern hatten nach über zehn Jahren die Schnauze voll: Durch Dells Augen von einem Sachbearbeiter der CIA beobachtet zu werden war zugegeben ekelhaft. Sie ließen Dell fast immer allein.

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Mathematisches Rätsel ohne erkennbare Lösung

Am Morgen, wenige Stunden vor der Klassenarbeit, pumpte Dells Steuermann massenhaft Hormone in Dells Körper. Er wollte ihn dazu bringen, eine Krankheit zu simulieren. Zwischen Dell und seinem Steuermann hatte sich über die Jahre eine Art Einverständnis herausgebildet: War Dell beim Lernen faul gewesen, entwickelte der Steuermann ein schlechtes Gewissen und ließ das Kind krank werden.

Oft murmelten die beiden miteinander in Dells Hirn; trotzdem ahnte Dell nichts davon, dass er ferngesteuert wurde.

Als der Lehrer die Schulhefte für die Klassenarbeit zur Tür hereinbrachte, hatte Dell plötzlich das Gefühl, sein Magen und beide Hoden gleichzeitig würden mit einem lauen, ekelerregend warmen Gift angefüllt.

Der Tod schien nahe – Dell grinste angestrengt vor sich hin.

Ohne die leiseste Ahnung von den mathematischen Problemen, die er zu bearbeiten hatte, löste Dell alle Aufgaben richtig und war nach knapp zehn Minuten fertig. Leicht benommen verließ er den Klassenraum und ging direkt nach Hause.

Offenbar hatte der Chipjunge beim Steuermann Mitleid erregt; in der vorangegangenen Forschungsperiode waren Todesängste und Allergiesymptome ausprobiert worden und das Kind hatte sich in seinem staubigen Kinderzimmer (es waren Ferien gewesen) wochenlang wortlos verkrochen. Es musste ein Ausgleich her; der Steuermann hatte wieder sein schlechtes Gewissen.

Auch die zwei darauffolgenden Klassenarbeiten bestand Dell fehlerlos. Dann versank er wieder in der mathematischen Ahnungslosigkeit.

 

Dieser Beitrag ist Teil der Reihe Mietpreissenkung, die chronologisch gelesen werden kann (neuester Beitrag ganz oben).

(Bild: Therustyone. CC-BY-SA 4.0)

 

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