Erinnerung an die Bücher I

Mein merkwürdiges Leben habe ich zwischen Büchern verbracht. Meistens waren es billige Schwarten, am Ende auch ein Haufen wertvolles, antikes Zeug. Ich habe in den letzten Jahren kaum noch in diesen Büchern gelesen, sie aber jeden Tag angeschaut und unter ihnen gelebt.

Mit Ausnahme einiger Spezialisten der Geheimdienste, die nachts in meine kleine Schreibwohnung im Süden Berlins eingedrungen sind, durfte die Bücher keiner sehen. Die „Heinzelmännchen“, wie man diese sanften Einbrecher nennt, trauten sich wohl nicht, in ihnen zu lesen.

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1979 – Schloss Ermreuth vor der Restaurierung

Nach einer Hausdurchsuchung und weiteren happigen Maßnahmen (meine Räuberhöhle wurde am Ende doch noch ausgehoben) sind mir meine Bücher abhanden gekommen. Ich habe nur noch die Erinnerung an sie.

Ein Buch, an das ich besonders gern denke, habe ich nie ganz gelesen. Trotzdem gehörte es zu meinen liebsten Büchern, und es stand direkt neben meinem Schreibtisch, fast zehn Jahre lang.

Das Buch trägt den Titel „Erinnerung an eine Liebe“. Arnolt Bronnen, ein österreichischer Autor, hat es geschrieben. Erschienen ist es im Frühjahr 1933, als die SA die Berliner Straßen eroberte. Bronnen lebte zu jener Zeit in Berlin, nicht weit von meiner Schreibwohnung entfernt, und er war damit beschäftigt, einen Fernsehsender im Grunewald aufzubauen.

Weil er seiner damaligen Frau irgendwelche hochstaplerischen Geschenke machen wollte, hat Bronnen diesen Roman in wenigen Tagen hingefetzt. Ernst Rowohlt, sein Verleger, nahm das Manuskript dankend an. Goebbels, ein intimer Kumpel Bronnens, organisierte auf korrupten Wegen einen guten Umsatz; die HJ und Teile der Deutschen Frauenschaft hatten das Buch abzunehmen.

Bronnen zeigt in diesem Roman seine Schrullen wie sonst kaum. Die Prosa fand ich so toll, dass ich nach 20 Seiten zu lesen aufhörte. Ich meine das ernst; manche Sachen dürfen nicht Wirklichkeit werden.

Die Prosa dieses Romans ist äußerlich von unmöglichen Schreibweisen gebräuchlicher Wörter geprägt, so schrieb Bronnen sämtliche zusammengesetzten Hauptwörter mit Gleichheits=Zeichen im Wort (!), und „Zentrale“ schrieb er mit C.

Ich kann mich noch gut an die Eingangsszene erinnern: Ein hoffnungsloser Schriftsteller fährt in einen Höhenkurort, wo er seine große Liebe verlieren wird. Unvergleichlich ist mir die Szene im Gedächtnis geblieben, in der der Protagonist einen Satz Spielkarten auf den Tisch knallt, aus Verzweiflung und lau wie im Traum.

Das hätte ein Bild sein sollen, für das Schicksal und die Liebe. Bronnen wird ordentlich besoffen gewesen sein, als er diesen oberflächlichen Symbol=Kram hinschrieb. Verliebt war er auch, wie man heute weiß, wenigstens das.

 

(Abbildung: Dimitri Fomin, CC0)

 

Ein Gedanke zu “Erinnerung an die Bücher I

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