Wer hat die Bombe gebaut? Teil III

In den ersten beiden Teilen dieser kleinen Serie wurde herausgearbeitet, dass die Polizei nach dem Oktoberfestattentat weder den Sprengstoff noch den Zündmechanismus der Bombe ermittelt hat, trotz zahlreicher Ansatzpunkte. Weiter wurde dargestellt, dass aus dem damaligen Schriftverkehr der Behörden interne Hinweise auf die Initiatoren, die Organisatoren und die Ausführenden der Tat hervorgehen.

Diese internen Hinweise sind nicht als bloße Informationen zu verstehen sondern als Handlungsanweisungen und Verbote, insbesondere Schweigegebote. V-Leute müssen unbedingt genau wissen, worüber sie schweigen müssen, damit sie ihren Job gut erledigen können.

Außerdem muss man ihnen drohen.

Hans Langemann
Ausschnitt Aktenblatt (Dienstvorschrift Mörsergranate, Notizen von Hans Langemann)

Oben sehen Sie einen Ausschnitt aus einem Aktenblatt, der Kopie einer militärischen Dienstvorschrift (vollständige Abbildung im letzten Artikel der Serie). Diese Kopie taucht zum ersten Mal in den Akten von Hans Langemann auf (Eingangsstempel und Randnotizen Langemanns vom Juni 1980).

Hans Langemann notierte auf dem Aktenblatt unter anderem handschriftlich:

4,2 Inch … Mortar Shell

was übertragen aus Rotwelsch ungefähr heißt

vier Komma zwei Inch Mortar Shell =

V irr ko mm a 2 I n ch m 0 r t ar Shell =

V-Mann, verschleiere die dir mitgeteilte Information über den Täter, ich verpfeife dich wenn du etwas sagst, sage nichts über den Täter, sonst kracht es.

Diese rotwelsche Repräsentation lässt sich abweichend und ergänzend so deuten, dass der Informationsfluss und die kriminelle Gruppenbildung zu  verschweigen sind („2“ ist eine Chiffre für Verbindungen aller Art).

Das hier analysierte Aktenblatt taucht später in den Handakten von Gerhart Baum auf; dort kann nach dem drohend angedeuteten Hinweis auf den Täter und die Organisatoren gesucht werden. Wie es Geheimdienst-Brauch ist, wird ein solcher semantischer Zusammenhang zum Beispiel einfach durch die Nachbarschaft im Aktenkonvolut repräsentiert.

Wir schauen also zunächst in die Handakten von Gerhart Baum, der die Kopie der militärischen Dienstvorschrift von Langemann zugeschickt bekommen hat und dilettieren wieder in rotwelscher Aktenlektüre.

A
Aus den Handakten von Gerhart Baum (FDP), Anfang Oktober 1980. Quelle: NSU Leaks

Direkt nach der Granaten-Information aus Bayern wird dem Innenminister dieses Schreiben mit weiteren Informationen zugestellt. Ich analysiere dieses nicht vollständig, weil ich noch ein Weilchen leben will und weil das den Rahmen dieses Artikels sprengen würde.

Wie üblich werden die happigen geheimdienstlichen Informationen des behördeninternen Schriftverkehrs in unverfänglichen Textbausteinen, hier in einem Briefkopf (Anschreiben) versteckt.

Wir lesen:

Referat P I 2/IS 3 …  ( 20-7 )

R e fe rat P I 2/ I S 3 2 0 7

Der rotwelsche Text wird hier durch Zahlen und ein graphisches Element (Kringel) ergänzt, was die Entschlüsselung durch Dritte erschwert (immerhin geht es hier um staatlichen Massenmord). Ich vereinfache in der Übertragung grob, für die Zwecke dieses Artikels:

Er hat eh die Rückmeldung von der Fee, dass sie über seine Geschäfte nichts sagen darf, das Gespräch zwischen den beiden hat nicht stattgefunden.

Gemeint ist CIA-Franz Josef Strauß, der sich wegen seiner illegalen Nahost-Geschäfte im Nahkampf mit einer schönen Dame verplappert hatte.

Er ist gemeint, weil in solchen Rotwelsch-Texten immer mit einem sehr kleinen Repertoire an semantischen Elementen (so albern es klingt: vergleichbar mit Fingerpuppen) gearbeitet wird und Strauß die Zentralfigur ist (er also ganz oben genannt wird, noch dazu im „Eck“, immer eine Chiffre für einen Menschen, der Probleme macht).

Man muss sich jetzt vergegenwärtigen, dass Gerhart Baum, der Innenminister der BRD, diese herzallerliebste Rotwelsche Botschaft knapp eine Woche nach dem Attentat auf den Schreibtisch gelegt bekam. Wenn er Rotwelsch beherrscht, wird er zugeben müssen, dass er vom Attentat und seinen Hintergründen gewusst hat.

Zu seiner Entlastung ist zu sagen, dass diese herzallerliebste Botschaft auch noch die folgende Zeile (siehe Ausschnitt oben) enthält (wieder weist uns das graphische Element der handschriftlichen Markierung den Weg der Entschlüsselung:

Herrn Abteilungsleiter P … (Her)rn SV Abteilungsleiter I (Unterschrift des Sachbearbeiters als Zeuge) S =

Lach er nicht, wenn er plaudert ist er tot, verschleiere die Verantwortung der CIA … wenn er nicht schweigt ist er tot und er verschweigt die Verantwortung der CIA, gezeichnet, der Sachbearbeiter.

Das ist als Anrede an Gerhart Baum zu verstehen. Er hatte daraufhin nichts zu lachen, davon ist auszugehen. Wie er dann, offenbar im Zwang, gehandelt hat, wissen wir.

In der nächsten Folge dieser Reihe werde ich die Täter nennen, die in den Akten konkret zur Sprache kommen.

 

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