Ulis verzweifelte Botschaft II

Dieser Blog wird von einem Autor betrieben, der rationale, wissenschaftliche Betrachtung mit literarischer Ästhetik verbindet. Nachdem hier einige Tage lang recht radikal Literatur betrieben worden ist, ist jetzt wieder die Wissenschaft dran.

Ich untersuche heute einen Screenshot aus einem Film von Ulrich Chaussy und nehme dabei eine Textanalyse vor. Das hat den Sinn, dem Leser die Methoden geheimdienstlicher Kommunikation nahe zu bringen. Dabei wird vereinfacht; die Geheimdienst-Insider unter den Lesern mögen mir verzeihen.

Ohne Titel
Screenshot aus dem Film „Attentäter – Einzeltäter“ von Ulrich Chaussy (2015, Rechte beim Bayerischen Rundfunk, Markierungen im Original)

Bei einer Textanalyse muss zunächst der Kontext bestimmt werden, in dem ein Text steht. Ohne das Wissen um den Kontext ist die Analyse eines Textes wertlos (genauso wie die Stellungnahme eines normalen Juristen oder eines Journalisten zu einem fachspezifischen Problem der Textlinguistik).

Jeder Text steht gleichzeitig in mehreren Kontexten. Das wird von Laien, besonders von Juristen, gern vergessen.

  • Man hat es hier mit einem polizeilichen Lagefilm zu tun. Der polizeiliche Informationsaustausch, die Organisation der Bewertung und Einordnung dieser Informationen im polizeilichen Sinn ist daher der erste relevante Kontext dieses Textes.
  • Zweitens steht der Text im Kontext des geheimdienstlichen Informationsaustausches, und genauso wie bei der Polizei werden auch auf der geheimdienstlichen Ebene Bewertungen und Einordnungen der verarbeiteten Informationen vorgenommen.
  • Der dritte hier relevante Kontext ist der der Außenkommunikation einer Behörde, sowohl der Polizei als auch der Geheimdienste, die den Text mit verfassen. Es ist nämlich klar, dass eine solche Unterlage über kurz oder lang bei einem Journalisten landet, der selbstverständlich journalistische und keine polizeilichen oder geheimdienstlichen Bewertungen vornehmen muss.
  • Schließlich der vierte Kontext: Der Lagefilm wird vom Autor des Films, Ulrich Chaussy, auch zur zeitgenössischen Eigenkommunikation eingesetzt, Chaussy spricht hier auch mit seinen Zeitgenossen, sowohl auf polizeilicher als auch auf geheimdienstlicher und journalistischer Ebene. Er zitiert nicht nur, er nutzt den Text auch als Vehikel für eigene Mitteilungen.

Wir betrachten jetzt den Text des Screenshots auf allen vier Ebenen nacheinander und erarbeiten dann eine Gesamtschau. Ich vereinfache dabei wie gesagt.

Auf der Ebene des polizeilichen Lagefilms, der auch der Lagefilm des bayerischen Innenministeriums ist, wird eine behördliche und politische Selbstrechtfertigung inszeniert. Die Behörde listet auf, was in den Stunden nach dem Attentat geschehen ist und schafft damit die Grundlage für interne Berichte. Dabei wird munter gefälscht, weil die Ermittlungen ja bei solchen Anlässen in die falsche Richtung laufen müssen, die Behörde also absichtlich falsch ermittelt.

Kommuniziert wird auf Deutsch. Die behördlichen Textautoren sind zusätzlich auch Vertrauensleute der Geheimdienste (das bedarf in der BRD nicht der besonderen Erwähnung) und realisieren gleichzeitig die Kommunikation auf der geheimdienstlichen Ebene.

Der geheimdienstlichen Informationsaustausch findet auf Rotwelsch statt. Beispielsweise wird Gundolf Köhler als V-Mann der CIA geoutet und dessen Schutz vor Enttarnung gefordert (der verd. Köhler = ter (CIA) – v – er (Vertrauensmann er) – d. (du machst einen Punkt) – Köhler = hör auf, Köhler als V-Mann zu outen, es ist untersagt, ihn als CIA-Mann zu enttarnen.

Auf der Ebene der Außenkommunikation wird sowohl auf Deutsch als auch auf Rotwelsch kommuniziert. Die mit- oder nachlesenden Journalisten sprechen und lesen beides; in der BRD wird niemand Journalist, der nicht Rotwelsch kann.

Aus dem abgebildeten Text muss der Journalist die Anweisungen für seine Berichterstattung herauslesen (das ist seine eigentliche Arbeit). Bei der Interpretation der deutschsprachigen Ebene muss er sich streng an die Rotwelsche Anweisung der Geheimdienste halten.

Auf der vierten Ebene der Kommunikation spricht Chaussy mit seinen Zuschauern, unter anderem mit mir. Was er da sagt, und wie diese Aussage vor dem Hintergrund der versprochenen Gesamtschau zu bewerten ist, erkläre ich im nächsten Artikel dieser Reihe. – Hätte ich eigentlich schon heute machen wollen, aber der Artikel ist mir zu lang geworden.

 

(Screenshot: Bayerischer Rundfunk, Autor U. Chaussy „Attentäter Einzeltäter. Neues zum Oktoberfestattentat“, zweite Fassung Herbst 2015)

 

Ein Gedanke zu “Ulis verzweifelte Botschaft II

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