Der Steuermann

Unbeeindruckt von negativen Rückmeldungen (er wurde als ein schwindliger Kerl erkannt) setzt der Autor dieses Blogs seine Geschichte vom Chipjungen Dell fort.

Dell war ein merkwürdiges weil funkgesteuertes Kind. Wie hier schon berichtet, stammte er von Leuten ab, die nicht unbedingt in die gehobenen Salons passten. Das machte aber nichts; in der Schule hatte er gute Noten, zu Hause zeigte er die notwendige Unterwürfigkeit.

Vom Rand des Dorfes aus funkte Dells Steuermann Signale an das Gehirn des Knaben. Man muss sich das so vorstellen: In einem engen, abgedunkelten Transporter sitzt ein etwa vierzigjähriger bärtiger Mann vor einem kleinen Monitor.

Der Steuermann sieht, was Dell sieht; er hat sein kindliches Gesichtsfeld am Bildschirm. Leider ist der Blick durch Dells Augen schwarz-weiß, außerdem von HD noch weit entfernt. Und das ganze wackelt unangenehm, dem Steuermann wird zum Beispiel schlecht, wenn Dell am Spielplatz herumtobt.

Ezra Pound, 1945
Der amerikanische Dichter Ezra Pound 1945 in amerikanischer Schutzhaft

Keiner löst den Steuermann ab; die CIA hat im Pinzgau kaum brauchbare Leute und externe Kräfte will man nicht einsetzen. Sie hätten sich dort nicht unerkannt bewegen können. Als Bayer kann der Steuermann das leidlich.

Er schläft, wenn Dell schläft, er steht mit ihm auf, gähnt, wenn Dell zur Schule geht oder ärgert sich, wenn Dell von irgendjemandem angebrüllt oder schlecht behandelt wird.

Über die Steueranlage kann der Steuermann Dells Gefühle beeinflussen. Der einschlägige Mechanismus ist ziemlich primitiv; über den Chip werden in Dells Gehirn Hormone ausgeschüttet. Sobald Dell Unsinn zu machen droht, also den Beobachtungsabsichten der CIA zuwiderhandelt, kübelt ihn sein Herr im Kastenwagen mit Angsthormonen zu.

Wenn Dell zwölf Jahre alt ist, kann der Steuermann die Sprache des Kindes simultan, über ein Mikrophon steuern. Er spricht durch Dell wie durch eine menschliche Sprechpuppe.

Kurz vor Weihnachten ist der Steuermann mal nicht allein im Wagen. Er hat Besuch. Ein berühmter US-amerikanischer Dichter sitzt neben ihm am Monitor und darf auch kurz durch die menschliche Sprechpuppe ein paar Worte sagen. Es klappt nicht so gut weil der Gast kaum Deutsch kann.

 

Dieser Beitrag ist Teil der Reihe Mietpreissenkung, die chronologisch gelesen werden kann (neuester Beitrag ganz oben).

(Bild: US Army, UMKC School of Law)

 

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