Widerstand gegen die Staatsgewalt

Zu den Klassikern der verabscheuungswürdigen verfassungsfeindlichen Betätigung gehört das Benehmen einer Rockband, die heute nicht mehr öffentlich genannt werden darf. Die Mitglieder dieser Band sind ab 2003 zu Haftstrafen verurteilt worden, nicht ohne zuvor ordentlich auf den Putz gehauen zu haben.

Ich hatte das zweifelhafte Glück, in den 90er-Jahren ein konspiratives Konzert dieser Band miterleben zu dürfen (damals sah ich noch anders aus). Die Darbietung fand ironischer Weise in Berlin-Kreuzberg, mitten im kreuzbraven linksliberalen Kreuzberg, statt, im Hinterhof eines Schwulenlokals.

Befremdet wie begeistert steuerte ich mich zum Konzertraum und dann wieder nach Haus. Den läppisch codierten Hinweis auf den Veranstaltungsort hatte ich vom kindischen Nationalen Infotelefon (einem Anrufbeantworter), bei dem ich am Tag zuvor angerufen hatte.

Man hätte nicht codieren sollen; im Konzertraum waren wir nur zu zehnt. Für den eingeschleusten Beamten des LKA war die geringe Besucherzahl unangenehm. Ich sollte den durchaus sympathischen Mann Jahre später wiedertreffen.

Deutsche Rekruten, 1940
Deutsche Rekruten, 1939

Immerhin wurde die Band später als kriminelle Vereinigung verboten und ihre Mitglieder wegen böser rechtsradikaler Volksverhetzung verurteilt.

Die Richter des Berliner Kammergerichts fanden den Sänger der Band richtig toll:

Der Angeklagte R. war und blieb spätestens von nun an der einzige Textverfasser und damit das Herz der Band. Aufgrund seines großen Talents zum Formulieren, seines Wortschatzes und seines Ideenreichtums drückte er ihr inhaltlich seinen Stempel auf.

Urteil 2. Strafsenat des Kammergerichts in Berlin, (2) 3 StE 2/02 – 5 (1) (2/02)

Jemand, der Talent zum Formulieren hat, drückt deswegen noch keinen inhaltlichen Stempel ins Kissen und schon gar nicht einer Band auf. Aber gut, der Schreiber ist ja bloß Richter und würdigt einen Helden meiner Jugend.

Tatsächlich identifizierte sich der formulierende Richter so stark mit der künstlerischen Perspektive der Band, dass er festhielt:

Während die zu diesem Zeitpunkt noch nicht eingespielte Band die von dem Angeklagten R. entworfenen Lieder probte, wobei der Angeklagte M. erheblichen Übungsbedarf hatte, gestaltete sich auch die Suche nach einem Tonstudio unerwartet schwierig.

Urteil 2. Strafsenat des Kammergerichts in Berlin, (2) 3 StE 2/02 – 5 (1) (2/02)

Talentiert die Jungs, nur üben hätten sie mehr sollen! Dann wäre vielleicht die BRD-feindliche Gesinnung verschwunden.

Das Urteil gegen die Band lässt uns überhaupt tief in die Abgründe einer BRD-feindlichen Gesinnung bzw. Gesittung blicken. Während der Proben waren sich die Musikanten voll der Tatsache bewusst, dass das LKA Berlin noch die letzte Bassgitarre und natürlich das Scheißhaus verwanzt hatte.

Die Techniker des LKA, die meines Wissens o.k. sind und besseres zu tun haben (zum Beispiel bei der dringend notwendigen Absicherung von deutschen Industrieanlagen, da gibt es schon lange nichts mehr zu lachen), müssen sich schön blöd vorgekommen sein bei diesem Faschingszirkus.

Wenn Sie wie ich rund um die Uhr, beim Steuern, beim Vögeln, im Kerker und bei Aldi, überwacht werden, werden Sie die folgende Passage aus dem Urteil auch mit Schmunzeln zur Kenntnis nehmen:

Ergänzend hat der Zeuge bekundet, dass bei den von ihm überwachten Proben die Angeklagten auch Vermutungen über „Verwanzungen“ äußerten, die R. allerdings nicht davon abhielten, sondern eher anstachelten, die Polizeibeamten erst recht mit maßlosen Tiraden zu beleidigen.

Urteil 2. Strafsenat des Kammergerichts in Berlin, (2) 3 StE 2/02 – 5 (1) (2/02)

Es ist schon richtig, die Damen und Herren müssen einiges aushalten. Wer erfahren ist, so drei bis vier Jahrzehnte abgeschnorchelt wird, der schafft es sogar, dauerhaft überwachende Polizei-Damen abzuschütteln; wie das geht, schreibe ich hier nur unter Vorbehalt. Sie müssten sich vor der Webcam in schlüpfrigem Selbstgespräch selber etwas Gutes tun, so ginge das.

Nur, wer macht das schon. Kein Mensch masturbiert vor dem Computer. Und einen solchen hatte ich 1997 noch nicht.

So waren sie, die 90er-Jahre. Heute ist alles ein wenig ernster, bilde ich mir ein.

 

(Bild: Josef GierseCC BY 3.0)

5 Gedanken zu “Widerstand gegen die Staatsgewalt

  1. Adebar

    Cherusker mögen Kartoffelschnaps. Und kann es sein, dass der LKA-Mann als Journalist zu dieser Faschingsveranstaltung gekommen ist? Es gab mal einen Fernsehmitschnitt der wurde auf VHS rumgereicht und ging weg wie warme Semmel. Meine Aufnahme war durch das viele kopieren ganz mies. R. und seine Volkstanzgruppe trugen Maskierung, besonders gefiel mir das fette Negerlächeln auf dem Strumpf, den sich der Tenor über die Rübe gezogen hat.

    Wir hatten ja noch kein Internet, nur Kassetten in lausiger Qualität und Herbert Egolt!

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  2. Fragezeichen

    Das Konzert fand 1997 statt? Danach wurden noch 3 Studioalben eingespielt und veröffentlicht, obwohl die Behörden wussten wer sich hinter der Gruppe verbirgt? Wenn da mal keine Strategie dahinter steckte.

    Es gibt da noch so eine komische Band aus Berlin. M & E nennen die sich. Wenn man Wikipedia glauben kann, wurden die 1991 in der JVA Plötzensee gegründet.

    Wikipedia: Die beiden ersten Alben der Band, sowie die Demotapes enthalten offen nationalsozialistische, antisemitische und menschenverachtende Textstellen. Beide Alben wurden in Deutschland beschlagnahmt und unterliegen einem Verbot. Die restlichen Alben und auch die Demos bis 2004 sind indiziert. In diversen Publikationen des Bundesamt für Verfassungsschutz und der Bundeszentrale für politische Bildung dienen Textstellen wie „Jude, ab in den Ofen…“ und „Gegrilltes Fleisch“ als Textbelege, die vor rechtsextremer Musik warnen sollen.[3] Nach der Neugründung verschwand diese Radikalität aus den Texten, die Band ist aber weiterhin zur extremen Rechten zu zählen.

    Wurde der „Sänger“ und die Band jemals dafür belangt? Verdammt, da muß mehr dahinter stecken. 😬

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