Glosse: Neurechte Zimperlichkeiten

Mit Datum 19.12. 2017 notiert die neurechte Autorin Ellen Kositza in ihr elektrisches Tagebuch:

Mal zu einem ganz ganz anderem Lied. Das eigene Töchterchen sollte im Teamwork für den Sportunterricht mit Freundinnen eine Choreographie entwerfen.
Jugenderinnerungen kommen auf! Das mussten wir damals auch. Wir hatten uns für „Fade to Grey“ entschieden. Der (größtenteils französische Text) war uns damals egal. Es war, sag ich heute, eine ganz gute Wahl. Wir waren irgendwie existentialistisch gestimmt.

Was recht sympathisch, als launiges Feuilleton, beginnt (die Konservativen brauchen Lesestoff für den Alltag, es brummt kein Fernseher vor dem Mittagessen), das könnte in Gottes Namen als so genannte konservative Kulturkritik weitergehen. Freilich klingt das alles schon ein wenig nach künstlich verzopftem Kulturkampf (greßtenteils franzesische Texte), aber was solls.

Die Tochter von Frau Kositza muss tanzen lernen, ein Stück Alltag:

Die Vorgabe des Lehrers lautete: Die Choreographie solle Szenen aus „Alltag und Haushalt“ beinhalten. Die Tochter turnte es vor. Toll. Halbspagat, kurzer Kopfstand, daneben Bewegungen, die „telefonieren“, „bügeln“ und „schlafen“ bedeuten sollten. Sehr artig, sehr schön. Ich lobe sie.
Die Tochter hatte vorab gesagt, in Vorahnung: „Ja, ich weiß. Aber, Mama, du kannst beruhigt sein. Popwackeln und so was kommt nicht vor.“
Na gut. Und dennoch: Trau, schau, wem! Also habe ich dieses „Swalla“- Video des dunkelhäutigen „Künstlers“ Jason Derulo aufgerufen.

Bügeln und telefonieren, artig. Das könnte was werden! Ich würde mich schämen meine Tochter Bügel-Tänze aufführen zu lassen.

Popowackeln soll also nicht sein. Ich kenne nicht das Alter der Frau Tochter, aber ein Stirnrunzeln wäre von mir sicher nicht zu erwarten, wenn sie mit dem Popo wackelt. Unter Umständen wäre das ein angenehmer Anblick und der GBA müsste wenigstens in dieser Sache nicht gegen mich ermitteln.

Kositzas düstere Vorahnungen bestätigen sich dann auch wie erwartet; der singende Neger erfüllt nicht die moralischen Erwartungen:

Ich war beinahe die einmilliardeste Kundin, die diese – Kunst? Diesen Softporno? Zeitvertreib? – sehen wollte. Irgendwie hab ich‘s geahnt: Swalla = swallow = schlucken = bestimmte Körperflüssigkeiten schlucken.

Alle deine Mädchen sind hier, wenn du durstig bist
Dann komm und nimm einen Schluck,
weil du weißt was ich serviere.

Nee, danke, sage ich stellvertretend für „mein Mädchen.“ Ihr habe ich gesagt, dass ich das Lied, den Text und das Video vollkommen bekloppt und entwürdigend fände. (Sie war peinlich berührt. Ich hingegen scheiterte an der Vorstellung, dass ein solches Video hautfarbenverkehrt zu unkritisierter Popularität käme.)

An anderer Stelle bejubelt Frau Kositza fesche männliche Körper; diesen Afrikaner aber will sie nicht. Er ist ihr zu dunkel.

Jason Derulo (der übrigens selber so schön ist dass er Weiber in seinen Videos nur  ironisch einsetzt, etwa nach dem Motto: Ich wollte eigentlich Pfarrer werden) will kein Künstler sein, Frau Kositza; und in der Popmusik geht es um den banal-zeitgenmäßen musikalischen Ausdruck von Sexualgefühlen.

NS-Frauenschaft
Paulina Schwitzgebel (1889-1963) aus Hutschenhausen. Funktionärin in der NS-Frauenschaft

Der zitierte Dreizeiler ist außerdem so harmlos traditionalistisch, dass er gut und gerne aus dem Mississippi-Delta der 20er-Jahre stammen könnte. Es ist einfach Negermusik, ein Plastik-Blues-Gedudel reinsten Wassers, das Video gefällt auch wegen der feschen Weiber, ich gebe es zu.

Die Leser merken: Kositzas Konservativismus geht gar nicht und kann als eine Gefahr für die Jugend gelten. Jede ondulierte Hauswirtschaftslehrerin der 30er-Jahre würde d’Kositza wegen ihrer vorgeschützten, aus politischer Eitelkeit vorgetragenen Prüderie auslachen.

Alice Schwarzers Gefuchtel ist ein Scheißdreck gegen die Suffragetten-Prosa der Frau Kositza. Ihr Prosastück schließt mit dem Hinweis darauf, dass der Sportlehrer der gemaßregelten Tochter den Song wegen Sexismusverdachts aus dem Programm nahm.

Fade to Grey – mir wird die Glatze grau, wenn ich von einem solchen verkrampften, sinnlosen Konservativismus lese, von einer weiblichen Autorin vorgetragen, die auch anständige Sachen machen könnte. Im Lehrbuch der Münchner Hauswirtschaftsschule (1939) heißt es nicht umsonst:

Irgendwann muss die kluge Frau auch wissen, wann es genug ist mit der gestelzten Zurückhaltung.

(Hauswirtschaft für die deutsche Frau. München 1939, S 46)

 

(Bild: Urheber und Rechteinhaber unbekannt, im Netz als gemeinfrei deklariert; bitte um Meldung)

 

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