Oktoberfestattentat kurz erklärt

Nachdem ich gestern einige Tiefschläge einzustecken hatte (zum Beispiel tauchten im Internet Bilder auf, die meine Traumfrau mit Repräsentanten der bürgerlichen Demokratie zeigen), heute eine kurze Erklärung der Hintergründe des so genannten Oktoberfestattentats. So viel ich weiß sind diese Hintergründe noch nie im Netz oder in Buchform ausgebreitet worden; Ursache für diesen Umstand dürfte sein, dass derartige Mitteilungen in früherer Zeit den Kopf gekostet haben.

Das Folgende ist recht banal; jeder Depp von V-Mann kann es verstehen. Geheimwissenschaft ist es keine, es ist die Normalität im Bereich geheimdienstlicher Mauschelei.

Also:

Aktennotiz Oktoberfestattentat, 1980
Sachstandsbericht des BKA vom 29.9. 1980 an das Bundesinnenministerium auf mündliche Weisung von VP Dr. Ermisch

Oben sehen Sie einen Auszug aus einem Sachstandsbericht, den der zuständige Beamte des BKA drei Tage nach dem Oktoberfestattentat auf mündliche Weisung hin an das Bundesinnenministerium geschickt hat.

Dabei berichtete der BKA-Mann seinem Vorgesetzten VP Dr. Ermisch nicht etwa bloß den offiziellen Sachstand der Ermittlungen sondern er informierte ihn über die Hintergründe, Ursachen und Täter des Anschlags sowie über die notwendige Vorgangsweise aus politischer und polizeilicher Sicht (sprich: über die Anforderungen, die westliche Geheimdienste an die bundesdeutschen Behörden stellten).

Der hier zitierte behördeninterne Schriftverkehr erfüllt folglich zwei Funktionen: Erstens die der offenen Kommunikation eines (fiktiven, den wahren Sachverhalt vertuschenden) ermittlungsbezogenen Sachstandes, zweitens die der verdeckten Kommunikation eines handfesten realen Sachstandes im Bereich der Rücksichtnahme auf geheimdienstliche Interessen. Wie geht das?

Der BKA-Beamte (offensichtlich ein V-Mann der CIA, wie wir später sehen werden) flicht in seine offene Kommunikation so genanntes Rotwelsch ein, eine alte Geheimsprache, die sich aus einer spätmittelalterlichen, stark jiddisch und fränkisch geprägten Gaunersprache entwickelt und zahlreiche angelsächsische Einflüsse aufgenommen hat (siehe dazu Bild oben).

Ich übersetze frei aus dem Rotwelsch des Beamten und seiner Dokumenten-Überschrift:

Munition = M – U – NI – TION = Quatsch du nie über Zion,

für britische = F – U – R – BRIT – I – SCHE = ich sag dir er ist Brite, schön

Werfer = W – ER – FER = haben wir dem was reingewürgt.

Hier spricht also ein BKA-Beamter zu einem hohen Beamten des Innenministeriums (der nicht umsonst als VP angesprochen wird und Ermisch = ER – MISCH = Er soll verbreiten, die Information weitergeben, heißt) in einer traditionellen Gaunersprache und informiert ihn darüber, dass das Oktoberfestattentat vom israelischen Geheimdienst ausgeführt worden und das Zielobjekt der Maßnahme ein britischer Agent gewesen ist, dem man schön eins reingewürgt hat.

Oder:

Mortar = M – O – RT – A – R = Da war unser britischer Agentenarsch aber gar nicht  brav

Interessant am oben zitierten Dokumentenausschnitt ist auch noch der Umstand, dass ausgerechnet drei Granaten abgebildet sind (in der hier angewandten Gaunersprache bedeutet die Zahl drei immer einen Imperativ, etwa „try“). Das ergibt im Kontext selbst für den stinknormalen V-Mann von Nebenan die folgende Sinnkonstruktion:

3 Bombs = 3 – BOMB – S = Versuche, über die Bombe die Schnauze zu halten

Jeder der die Ermittlungen zum Oktoberfestattentat kennt weiß, dass über die Bombe gar nichts herausgefunden worden ist, weder Sprengstoff noch Zündvorrichtung usw., und das von erstklassigen Kriminaltechnikern. Man hat sich im Innenministerium hier recht streng an die Anweisungen der CIA gehalten.

Wer diese Gaunersprache beherrscht (ich schätze, es sind etwa 10 Prozent der bundesdeutschen Bevölkerung, also alle V-Leute großer Geheimdienste und 90 Prozent meiner Leser), kann sich den Rest des oben zitierten Dokuments selber erschließen. Herausgegriffen sei noch das Wort

Granatwerfer = G – RA – NAT – W – ER – FER = Sag nicht, dass die Amis ihn verpfiffen und ihm damit eins reingewürgt haben

Wer kann das gewesen sein, der da verpfiffen worden ist? Wen hat ra da auffliegen lassen und bei den Israelis angeschissen?

Franz Josef Strauss
Franz Josef Strauß (1915-1988)

Der damalige bayerische Ministerpräsident Strauß war um 1980 damit beschäftigt, einen Ausgleich mit der DDR zu erzielen und schob dabei, wie es seine Art war, kräftig halblegale wie illegale Waren und Dienstleistungen hin und her. Man schaue sich das Gesicht dieses Politikers an im Moment seines Besuchs am Tatort (auf dem Foto oben grinst er ruhiger); der gute Mann wirkt nicht nur deshalb betroffen, weil er es als erschütternd empfunden haben mag, dass man seine Leute und das Oktoberfest angreift (das wird man ihm zugestehen müssen), er war mit dem Anschlag auch ganz persönlich gemeint.

Wenn es jemanden unter meinen Lesern gibt, der unbedingt eine israelische Kugel im Kopf haben will, dann sende ich ihm den Aktenteil zu, in dem Strauß brühwarm und rotwelsch als Zielobjekt des Anschlags bezeichnet wird. Die Passage ist leicht zu verstehen. Freiwillige vor.

Wer geduldig genug ist (ich führe das hier nicht aus), der kann aus dem oben zitierten Aktenstück also locker herauslesen, dass man von Seiten des BKA (auf gut Deutsch von Seiten der Amis, zumal das BKA traditionell von der CIA beherrscht wird) das Innenministerium darüber informierte: Strauß hat eins auf den Deckel gekriegt von den Israelis, die Amis haben ihn verpfiffen, er hat irgend einen Waffendeal zum Nachteil der Israelis in seine DDR-Plauschereien eingebaut.

Das ist die Wahrheit über das Oktoberfestattentat. Viel mehr ist dazu nicht zu sagen.

Sachstandsbericht des BLKA an das Bundesinnenministerium vom 29.9. 1980
Sachstandsbericht des BLKA an das Bundesinnenministerium, 29.9. 1980, S. 12

Wie Geheimdienste halt so sind, hat man auch ein paar Scherze am Rand eingeflochten; so gingen am Tag des Anschlags wiederholt Bekenneranrufe einer (übrigens besoffenen, als Prostituierte tätigen) Französin bei verschiedenen Medien ein. Die Dame war in einer lustigen Runde von V-Leuten zu diesen Anrufen überredet worden, hatte allerdings mit dem Anschlag nichts zu tun. (Die Komödie wurde in räumlicher Nähe eines geplanten Rechtsextremistentreffens durchgeführt, damit Leute wie Chaussy 40 Jahre später noch ihren antifaschistischen Senf dazugeben können.)

Wer telefonierte? Eine

Französin = F – RA – N – Z – O – SIN = Ich sag dir, die Amis haben es verpfiffen und das war keine Sünd

Aha. Franz Josef Strauß vor der Geschichte als britischer Agent (so ein schlimmer Finger) und seine DDR-Aktivitäten als israelfeindlich enttarnt. Das Oktoberfestattentat als Nasenstüber, dass er a Ruh gibt, da bayerische Löw. Wer hätte das gedacht, dass die Wahrheit so banal sein kann.

Zum Schluss vielleicht noch der Hinweis darauf, dass Gerhart Baum im zitierten Schriftverkehr noch ein wenig vermitteln wollte. Er notierte an anderer Stelle, aber zum fraglichen Zeitpunkt (als man die brandheißen Israelis und die US-Nattern am Hals hatte) zum Beispiel den folgenden Satz in die Akten:

Das wird sich doch klären lassen.

Ich darf das nicht übersetzen, man sollte Baum nichts nachsagen. Es wird nicht die Bitte Baums an die CIA bedeutet haben, dass man Strauß gegenüber den Israelis nachträglich doch noch als harmlos (als Cat; Pet hatte er in seinem Alter nicht mehr drauf) darstellen soll, auf dass sie nicht endgültig durchdrehen. Sicher nicht.

 

(Rechte Bild Strauß: Archiv der Bundeswehr)

5 Gedanken zu “Oktoberfestattentat kurz erklärt

  1. schon mal hier gewesen

    Aha! Mein deutscher Bruder S. Mayr hat also Zeugs, wofür man eine israelische Kugel bekommt?
    Soso, wenn dem so ist, HER damit-ich gehe mit (dir Bruder! auch bis in den Tod), will sehen! (sende zu)-allein schon aus Verbundenheit, Solidarität.
    Zudem, eine letzte Frage der Ehre, des Charakter und Mutes für jeden noch Deutschen, deutsch denken und fühlenden-nicht wegen F. J. Strauß, dessen „Charakter“ gibt es NICHT her-ABER wegen der

    13 getöteten (geschächteten), darunter auch Kinder!, der 211 verletzten-davon 68 schwer (bleibende Behinderungen, Amputationen etc.) GOYM!

    Wo sind sie nun? All die „Patrioten“? Keiner da?
    Einmal muß und soll doch Schluß sein, mit all dem Mord-und Totschlag der Söhne Jakobs.
    Wer von denen kommen will, uns umzubringen, der komme-wisse aber, er handelt GEGEN seine ureigensten GEBOTE/GESETZE,

    Thora, 1. Buch Moses 27, Vers 39 und 40.

    Das ist kein pathetischer Schnullischeiss oder Gedoens-wie Rio Reißer mich drüben verunglimpfen will-NEIN, das bin ICH, Deutsch, für das Wahre, das Gute und Schöne, keine leeren Worthülsen, materielles ist mir Schnurz.

    Albert Leo Schlageter:

    „Sei, was du willst, aber WAS du bist (DEUTSCH!), habe den Mut GANZ zu sein.“

    Tim Schult

    Gefällt mir

  2. Pingback: Die Zensoren bei Twitter mögen den Arbeitskreis #NSU nicht? Ach, na wer hätte denn SOWAS je gedacht? | NSU LEAKS

  3. Mario Romanowski

    Ja warum zeigen sie das „Geheimpapier“ nicht einfach allen im Internet? Alle kann man wohl kaum erschiessen…

    Und warum sollen 10% diese Gaunersprache können?

    Und die Kryptologie versteh ich auch nicht.

    Gefällt mir

    1. Lieber Herr Romanowski, das „Geheimpapier“ stammt aus dem Bundesarchiv, die Veröffentlichung einer einzigen Seite würde mich ein Schweinegeld kosten 🙂 ich zitiere ja daraus. Und Rotwelsch lernen Sie hier auch noch, glauben Sie mir. Nur Mut

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s